Melanchtongemeinde Malsch

Lesepredigt zum Palmsonntag

von Claudius Zeller
4. April 2020

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Liebe Gemeindemitglieder,
liebe Leserinnen und Leser,
mit dem Palmsonntag
beginnt die Karwoche,
die heilige Woche.
Für Christen ist das immer
eine ganze besondere Zeit im Kirchenjahr.
Denn wir begleiten Jesus,
und machen uns seine letzten Lebenstage wieder bewusst.
Dabei werden wir zu den Grundlagen unseres Glaubens geführt.
In diesem Jahr steht die Karwoche
ganz im Zeichen der aktuellen Situation.
Ein Virus verbreitet sich unkontrolliert
über den ganzen Erdball
und legt fast alles lahm,
was wir für so selbstverständlich hielten.
Wir sind in vielem eingeschränkt,
die Wirtschaftskreisläufe stehen plötzlich in Frage,
viele Menschen machen sich Sorgen
um die Gesundheit natürlich,
aber auch um die Existenz –
und noch weiß niemand,
wo dieser Weg uns hinführen wird.
Das Schlimmste ist aber
der Tod so vieler Menschen weltweit.
Viele trauern um Angehörige.
Auch die Pflegekräfte,
die Ärztinnen und Ärzte,
kommen an ihre Grenzen –
so zeigen es die Bilder besonders aus Italien und Spanien.
Um Menschen zu retten,
arbeiten sie Tag und Nacht
an der Grenze der Belastbarkeit,
auch darüber hinaus –
und müssen oft ohnmächtig erkennen,
dass sie nicht mehr helfen können.
Auch viele andere
in wichtigen Bereichen der Gesellschaft
sind am Anschlag.
Das Ganze - ein Schreckensszenarium.
Auch auf dem letztem Weg, den Jesus geht,
gibt es Schreckensszenarien.
Und dabei beginnt alles doch
so fröhlich, so unbeschwert.
Alle freuen sich auf ein großes Fest.


Die beiden Jünger gingen los und führten aus,
was Jesus ihnen aufgetragen hatte.
Sie brachten die Tiere zu ihm,
legten ihre Mäntel über sie,
und Jesus setzte sich darauf.
Viele Leute breiteten ihre Kleider als Teppich vor ihm aus,
andere rissen Zweige von den Bäumen
und legten sie auf den Weg.
Vor und hinter ihm drängten sich die Menschen und riefen:
„Gelobt sei der Sohn Davids, ja, gepriesen sei,
der im Auftrag des Herrn kommt!
Gelobt sei Gott hoch im Himmel!“
Als er so in Jerusalem einzog,
geriet die ganze Stadt in helle Aufregung.
„Wer ist dieser Mann?“, fragten die Leute.
„Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa“,
riefen die Menschen, die ihn begleiteten.
Matthäus 21, 6-11 (Hoffnung für alle)


Es beginnt so froh,
so unbeschwert,
die Begeisterung kennt keine Grenzen.
Sie sind alle gut drauf,
acht tolle Tage in Jerusalem,
den Alltag vergessen,
ausspannen, genießen,
die Atmosphäre erleben,
einfach beieinander sein,
zusammen essen, trinken, feiern
in der heiligen Stadt
mit Tausenden anderen.
Und wenn da einer auf einem Esel
daher kommt wie ein König,
dann jubeln sie ihm zu,
auch wenn sie nicht mal wissen, wer der ist.
Einfach Spaß haben.
Keiner ahnt in diesem Moment,
wie bald alles ganz anders sein würde.
Manchmal verändert sich das Leben so schnell,
dass der Verstand gar nicht mitkommt.
Wir erleben es grade ja auch:
Noch vor kurzem konnten wir raus,
wenn uns danach zumute war.
Wir konnten spazieren gehen,
die Frühlingssonne genießen,
ein Schwätzchen halten,
einander einladen, nahe sein,
zusammensitzen
und unbeschwert feiern.
Wir haben uns keine großen Gedanken gemacht,
was wir einkaufen sollen,
ob wir genug im Haus haben.
Wir konnten Ausflüge unternehmen,
und den Urlaub planen.
Familien haben sich auf die Taufe ihrer Kinder gefreut,
Paare haben ihre Hochzeit vorbereitet
und Geburtstagskinder Feste arrangiert.
Und nun ist alles anders.
Weite Teile des gesellschaftlichen Lebens liegen brach.
Ein Virus stellt das,
was wir immer für selbstverständlich hielten,
plötzlich in Frage.
Wir hätten uns vor wenigen Wochen
nicht träumen lassen,
dass wir in unserer Melanchthonkirche
keine Gottesdienste mehr feiern dürfen.
Gottesdienste sind doch der wesentliche Grundbaustein
jeder christlichen Gemeinschaft –
seit 2000 Jahren ist das so.
Und nun sind sie untersagt.
Das Läuten am Sonntagmorgen
erinnert uns an das, was fehlt,
und was viele vermissen,
die gern in die Kirche kommen:
Ruhefinden
abschalten
Kraft tanken,
miteinander feiern, beten und singen,
Gottes Wort hören,
beim Abendmahl die Verbundenheit im Glauben spüren.
Liebe Gemeindemitglieder,
liebe Leserinnen und Leser,
der Palmsonntag
mit seiner frohen, ausgelassenen Stimmung,
die sich so bald ins Gegenteil verkehrt,
lehrt uns,
dass das Leben keinen geraden Weg kennt,
dass es keine Selbstverständlichkeiten gibt,
kein Anrecht auf leichtes und unbeschwertes Leben.
Wir leben so –
und grade wir in den wohlhabenden Ländern –
als wäre
unser Lebensstil,
unser Wohlstand,
unsere Freiheit,
unser Recht zu genießen, zu feiern,
als wären das Selbstverständlichkeiten,
die uns zustehen.
Aber es sind Geschenke,
Kostbarkeiten des Lebens.
Manche würden auch sagen: Gaben Gottes,
die wir genießen dürfen –
in aller Demut.
Gaben, für die wir dankbar sein können,
weil sie eben nicht selbstverständlich sind,
Morgen kann alles anders sein.

Ich habe vor einiger Zeit
einen Mann in den besten Jahren bestatten müssen.
Die Ehefrau und seine Kinder waren untröstlich.
Eben waren sie noch miteinander,
hatten Pläne geschmiedet,
Träume geträumt.
Und dann von jetzt auf nachher
war alles anders,
der Mann starb – mitten aus dem Leben gerissen.
Warum, war die Frage,
warum musste er so früh sterben,
wir hatten doch noch so viel vor!
Das Leben ist eine Herausforderung.
Es gibt Zeiten, wo alles leicht ist,
Zeiten in denen uns Gutes gelingt,
wo wir erfüllt sind
von schönen Augenblicken,
und beglückenden Erlebnissen.
Aber das ist nur geliehen.
Der Weg, den wir in dieser Woche gehen,
an der Seite von Jesus,
hinauf nach Jerusalem,
dieser Kreuzweg, lehrt uns immer wieder neu,
dass wir nichts beanspruchen können,
dass alles, was wir haben,
ein wunderbares Geschenk ist,
aber keine Selbstverständlichkeit.
Es wäre schön,
wenn diese Einsicht,
über die Krise hinaus,
in unseren Köpfen und Herzen bliebe.
Die Menschen damals,
die am Wegrand stehen
und Jesus mit Palmzweigen zujubeln –
freuen wir uns mit ihnen,
freuen wir uns an ihrem Glück in diesem Moment –
aber behalten wir auch im Gedächtnis,
dass wenige Tage später
sich dieses Glück in Luft aufgelöst haben wird:
Jesus gefangen, gefoltert, verurteilt
und von allen,
auch von seinen engsten Gefährten, verlassen.
Das Leben ist wie ein Garten
mit schönen Blumen hier und da,
aber auch mit Gestrüpp und dornigen Feldern.
Es gibt keine Selbstverständlichkeiten,
kein Anrecht auf irgendetwas.
Ja, manchmal haben wir es gut,
und das Leben macht Spaß.
Aber wir müssen auch Herausforderungen bewältigen
und Niederlagen und Verluste verschmerzen.

Die Geschichte von Jesus erzählt davon,
dass Gott uns dann nahe ist.
Wie ein roter Faden durchzieht
diese Botschaft alle Ereignisse:
Gott ist dir nahe.
Zum Palmsonntag gehört die Freude.
Aber sie steht damals
unter dem Vorzeichen
von Mühsal, Leid und Tod –
und steht es heute auch.
Wir alle sind von der aktuellen Situation betroffen.
Viele haben Angst und machen sich Sorgen.
Ich wünsche uns
in dieser herausfordernden Zeit
immer wieder freudige Momente,
wo wir gelöst, frei und ohne Angst sein können.
Momente, wie sie die Erzählung
vom Einzug in Jerusalem widerspiegelt.
Ich wünsche uns aber auch
ein Bewusstsein dafür,
dass solche Momente
keine Selbstverständlichkeit sind,
sondern ein kostbares Geschenk.
Und ich möchte Gott bitten,
dass er uns jeden Tag
mit Kraft,
mit Geduld,
mit Trost
und mit Hoffnung ausrüstet,
damit wir alles meistern können –
was immer auch auf uns zukommt.
Gott behüte Sie!

 

Montag, 15.11.2021

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