Melanchtongemeinde Malsch

Lesepredigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Claudius Zeller
21. Juni 2020

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Eingangswort

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

„HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ –
Meine Zuflucht ist bei Gott, sagt Psalm 36. Und nicht nur meine Zuflucht: Gottes Haus ist das Zuhause für alle. Alle sind eingeladen: Wohlhabende und Arme, Nahestehende und Ferne, Glaubende und Zweifelnde. Alle, die Sehnsucht haben, alle denen ihre Last manchmal schwer wird, sind willkommen.
Der 2. Sonntag nach Trinitatis ermuntert dazu, Gottes Einladung nicht auszuschlagen, sondern sich rufen zu lassen in eine bunt gemischte Gemeinschaft, in der ein Klima der gegenseitigen Achtsamkeit und Wertschätzung, Offenheit für Außenstehende und Nachsicht gegen Schwächere herrscht. Christentum ist kein exklusiver Club – Gott sei Dank!


Psalm 36

HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, *
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.

Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes /
und dein Recht wie die große Tiefe. *
HERR, du hilfst Menschen und Tieren.

Wie köstlich ist deine Güte, Gott, *
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!

Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, *
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, *
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
Psalm 36, 6–10


Schriftlesung: Matthäus 11,25-30

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach:
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde,
dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.
Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
Alles ist mir übergeben von meinem Vater,
und niemand kennt den Sohn als nur der Vater;
und niemand kennt den Vater als nur der Sohn
und wem es der Sohn offenbaren will.
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.


Lesepredigt

Kommt her zu mir, alle.
Dieser Ruf Jesu scheint nicht so richtig
in unsere Zeit zu passen:
Offene Arme, große Einladungen –
das geht immer noch nicht.
„AHA“ – heißt die Antwort auf jede Form der Einladung:
AHA – Abstand, Hygiene, Atemmaske.
Händeschütteln vor dem Gottesdienst
oder gar Umarmungen – geht nicht.
Sich neben die Freundin aus dem Seniorentreff,
neben den Nachbarn oder den Patenonkel
in die Kirchenbank setzen – geht nicht.
Nicht nur die Mühseligen und Beladenen,
auch die Fröhlichen und Dankbaren
warten noch auf die große Einladung –
zur Konfirmation und zur Hochzeit und zur Taufe.
Hoffnung verspricht die „Corona-Warn-App“.
Sie macht keine Kranken gesund,
sie verhindert auch nicht die Ansteckung mit dem Corona-Virus,
sie verpflichtet zu nichts –
und dennoch ist sie heiß ersehnt worden.
Im Kampf gegen diesen unsichtbaren Feind
kann sie helfen, die Ausbreitung zu verhindern.
Wer erkrankt, kann andere damit warnen –
anonym und in aller Freiwilligkeit.
Die Erkrankten und die Gewarnten
können damit ihren Beitrag dazu leisten,
dass das Virus sich nicht
unerkannt und unbeabsichtigt weiter ausbreitet.
Hoffnung versprechen auch
die vielen Versuche von Kirchengemeinden,
den Ruf Jesu trotz der vielen Beschränkungen weiterzusagen.
Gottesdienste sind wieder möglich
für die „Mühseligen und Beladenen“,
damit sie sich bergen können in diesem Haus,
das Gotteshaus genannt wird;
damit sie für einen Moment Ruhe finden für ihre Seelen,
wie Jesus es in Aussicht stellt.
Kommt her zu mir, alle, lädt Jesus ein.
Er ist da im Gottesdienst,
mitten unter den Menschen.
Die Abstände werden zu „Zwischen-Räumen“,
in denen das Wesentliche passiert.
Gott ist „zwischendrin“ –
zwischen den Menschen.
Im Wort, das nicht bleibt bei dem, der es spricht,
sondern mit dem Schall fliegt
zu denen, die es hören.
In den leisen Tönen ist Gott,
im sanftmütigen, achtsamen Umgang miteinander,
im offenen Augen-Blick.
Seelsorge ist möglich.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, sagt Jesus.
In der Seelsorge, ob am Telefon oder am Krankenbett,
bieten Menschen an, das Joch mitzutragen –
im Hören der Leidensgeschichte,
im Schweigen,
im Aushalten,
manchmal auch mit einem Rat. 

„Danke. Das war genau das, was ich heute gebraucht habe.
Manchmal sagen Menschen das nach einem Gottesdienst.
Auf Nachfrage bleibt es offen,
was genau es war, was geholfen hat.
War es die Predigt?
Vielleicht ein Abschnitt?
Oder nur ein bestimmter Satz?
Oder waren es die Gebete, die Lieder, die Musik,
die getröstet oder beschwingt haben?
Schwer zu sagen.
Aber irgendwas in diesem Gottesdienst
hat das Herz getroffen
und das Gefühl vermittelt:
Ich bin gemeint,
ich mit meiner Situation,
meinem Ärger
oder meiner Trauer.
Jesus sagt: Kommt her zu mir, alle,
die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.

Er sagt nicht: „Kommt her zu mir alle,
die ihr noch tiefer in die Trinitätslehre eintauchen wollt,
ich will sie euch erklären.“
Obwohl gerade der heutige Abschnitt
über fast zwei Jahrtausende
als eine Begründung für Trinitätslehre galt.
Denn Jesus spricht hier
über die Wesenseinheit von Vater und Sohn.
Jesus sagt auch nicht:
„Strengt euch halt mehr an,
dann werdet ihr’s schon schaffen.“
Oder „Kommt her zu mir und macht,
was ich euch sage, dann wird alles gut.“
Manchmal tut man alles,
was man kann,
versucht ein guter Mensch zu sein,
Nächstenliebe zu leben
und trotzdem passiert Schlimmes:
man wird krank
oder verliert einen lieben Menschen.
Jesus sagt – in der Übersetzung der Basisbibel –
„Kommt zu mir, ihr alle,
die ihr euch abmüht und belastet seid!
Bei mir werdet ihr Ruhe finden.
Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe.
Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch
und sehe auf niemanden herab.
Dann wird eure Seele Ruhe finden.
Denn mein Joch ist leicht.
Und was ich euch zu tragen gebe,
ist keine Last.“
Kommt! Die Einladung steht.
Die Einladung ist offen für alle –
alt oder jung,
mutig und verwegen
oder schüchtern und ängstlich.
Ob du nur so strotzt vor Kraft
oder niedergeschlagen bist,
ob krank oder gesund,
voller Vertrauen oder voller Zweifel,
ob du frisch verliebt bist
oder auf der Suche nach Liebe.
Kommt alle –
Ihr, die ihr voll guter Ideen seid,
mit eurem Optimismus und eurer Hoffnung
auf eine bessere Welt;
und ihr, die ihr tragt an Schuld
oder an eigener und fremder Not.
Kommt her –
so spricht Christus,
der Freund und Heiland der Menschen.

Ochsen haben früher das Joch getragen.
Das Joch wurde ihnen aufgelegt,
damit sie schwere Karren zogen
oder den Pflug
und damit den Acker umgruben.
Menschen ein Joch aufzulegen,
ist menschenverachtend.
Menschen ein Joch aufzulegen,
sie zu zwingen,
schwere Lasten und Wägen zu ziehen,
heißt, sie wie Tiere zu behandeln,
ihnen die Menschenwürde zu nehmen.
Bilder davon gibt es aus der Kolonialzeit,
auch der deutschen Kolonialgeschichte.
Schreckliche Bilder, die bis heute nachwirken.
„Black lives matter"
– schwarze Leben zählen –,
steht auf den Plakaten der vielen Demonstrationen weltweit.
Beschämend ist es,
dass man bis heute daran erinnern,
darauf pochen muss,
dass jedes Leben zählt,
dass alle Menschen in ihrer Würde gleich sind.
Diese Plakate sind ein erschütterndes Zeugnis davon,
wie lang der Arm der Geschichte
von Kolonialismus und Rassismus
bis in die Gegenwart ist.
Jesus legt niemandem ein Joch auf.
Das Joch freiwillig aufzunehmen,
sich selbst unter das Joch zu stellen
ist eine Zumutung, eine Provokation.
Kein Joch ist sanft oder leicht.
Genauso wenig wie das Kreuz.
Unmenschlich ist es,
von anderen zu fordern,
„dass man halt sein Kreuz tragen müsse".
Genauso schlecht
ist die gutgemeinte Redewendung:
„Wem Gott eine Last auflegt, dem hilft er auch."

Nicht jede Last ist gottgewollt:
nicht die Gewalt,
die ein einzelner Mensch
oder eine ganze Menschengruppe erleidet,
auch nicht Verfolgung oder Vernichtung.
Was Menschen einander antun
in Bosheit und Hass
ist nicht Gottes Wille.
Das Joch von Gewalt und Unterdrückung
kommt nicht von Gott.
Im Gegenteil:
Wir lesen in der Bibel,
wie Jesus an der Seite der Menschen steht,
die Lasten zu tragen haben,
die unter dem Joch einer Krankheit leiden,
die hungern.
Wir lesen von Jesu Verheißung,
von seinen Seligpreisungen
der Leidtragenden und der Verfolgten,
aber auch von seiner Verheißung für die Friedensstifter.
Jesus hat deren Leid geschultert,
ist mit ihnen gewesen.
Das ist das Joch, das Jesus hier meint:
Nimm das Joch auf, unter dem ein anderer leidet.
Kümmere dich um den unter die Räuber Gefallenen.
Mach den Mund auf gegen Gewalt.
Gib denen eine Stimme, die nicht mehr schreien können.
Es ist nicht so schwer wie du denkst.
Du bist nicht allein.
Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht,
verheißt Jesus.
Den Weisen und Klugen ist es verborgen,
den Unmündigen ist es offenbart.
Mit diesem Widerspruch leitet Jesus seinen Heilandsruf ein.
Es ist unlogisch,
es ist in unseren Augen nicht klug
und manchmal auch nicht sehr weise,
wie Jesus sich den Menschen aussetzt
und ihr Joch auf sich nimmt.
Die Unmündigen aber begreifen es.
Die Unmündigen,
das sind nicht nur die Kinder,
das sind zur Zeit Jesu auch die Sklaven gewesen,
eben die, die keine Stimme in der Gesellschaft haben,
den Mund nicht auftun dürfen.
Diesen Stummen und Beladenen
ruft Jesus zu:
Ich will euch erquicken.
„Danke. Das war genau das, was ich heute gebraucht habe."
Wir haben es nicht in der Hand,
dass ein Gottesdienst, ein Gespräch,
eine zarte Berührung so hilft.
Es wird nicht offensichtlich,
nicht für alle offenbar,
wo Gottes Wort
einen Menschen berührt und erfrischt,
Ruhe oder Kraft gibt.

Niemand kennt den Vater
als nur der Sohn
und wem es der Sohn offenbaren will.
Fast wie bei der Corona-Warn-App.
Es geschieht im Verborgenen.
Manchmal so verborgen,
dass der Eine niemals vom Anderen erfährt.
Ob es mein Wort war,
das dem anderen geholfen hat,
ihn getröstet,
sie gestärkt hat
oder gar die Lebensrichtung hat ändern lassen –
ich erfahre es nicht,
muss es auch nicht erfahren.
Die Zeugen dafür sitzen in der Kirche
oder zuhause in der Stube vor dem Fernsehgottesdienst,
dort wo gearbeitet wird
oder im Zimmer eines Altenheims.
Hier in unserem Land
oder an irgendeinem anderen Ort auf der Erde.
Sie sorgen für Menschen, die ihnen anvertraut sind,
führen ein Unternehmen
oder genießen ihre Rente.
Aber wenn sie einmal mit jemandem ins Gespräch kommen,
spürt das Gegenüber bald,
dass sie sich auf eine Kraftquelle verlassen,
die nicht aus ihnen selbst kommt.
Vielleicht erzählen sie dir,
wie sie sich in ihrem Leben auf Christus verlassen,
der sie begleitet,
der bei ihnen ist,
als Bruder,
als Hirte,
als Freund,
als Retter.
In mir wächst dann die Sehnsucht.
Wenn ich den Ruf Jesu höre, spüre ich:
Hier bin ich richtig.
Hier bin ich willkommen.
Hier finde ich Ruhe für meine Seele.
Kommt her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid,
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir;
denn ich bin sanftmütig
und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft
und meine Last ist leicht.
Amen.


Lied


1. In Christus gilt nicht Ost noch West, es gilt nicht Süd noch Nord,
denn Christus macht uns alle eins in jedem Land und Ort.

3. Drum kommt und bindet fest den Bund. Was trennt, das bleibe fern.
Wer unserm Vater dienen will, der ist verwandt dem Herrn.

4. In Christus trifft sich Ost und West, er eint auch Süd und Nord,
schafft selbst die gute, neue Welt und spricht das letzte Wort.
Text und Melodie: Martin Pepper 2000. © 2000 mc peppersongs, Berlin

Fürbittengebet

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Barmherziger Gott,
lass diesen Ruf Deines Sohnes, so klar, so tröstlich,
in jeden kleinsten Winkel unserer Wirklichkeit dringen
und in die weiteste Ferne reichen.

Lass ihn dorthin dringen,
wo kaum mehr gesprochen wird,
in die Zimmer der Palliativstationen, in die Pflegeheime,
dorthin, wo noch immer Besuche verboten sind
und auch Seelsorger*innen fern bleiben sollen.

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Lass diesen Ruf dahin dringen,
wohin kein Wort und kein Mitgefühl mehr reichen,
in die Keller, wo gefoltert und missbraucht wird,
in die Lager und Umerziehungsanstalten,
wo Menschen vegetieren.

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Lass diesen Ruf in die feinen Ritzen und Risse dringen,
wo Rassismus und verhärtete Ideologien herrschen,
dahin, wo Menschen abgeschottet und verhärtet sind.

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Lass diesen Ruf
in die Gewebe der Lügen und Täuschungen dringen,
in die Methoden der Manipulation,
dorthin, wo sich menschliche Worte verwandeln
zu einem Gift, das blind macht.
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.

Ja, Herr, wir wollen kommen, kommen zu dir.


Vater unser …


Segen


Der Herr segne uns und behüte uns.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht über uns und gebe uns Frieden.

Amen

Montag, 15.11.2021

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In der Zeit vom 11. November bis 15. November 2021 findet in unserer Gemeinde wieder die jährliche Kleidersammlung für die Bodelschwinghschen Anstalten Bethel statt. ... weiterlesen