Melanchtongemeinde Malsch

Lesepredigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrer Claudius Zeller
05. Juli 2020

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Eingangswort

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Wie kann ein friedliches Zusammenleben gelingen? Am Ende der neutestamentlichen Briefe werden oft Ratschläge gegeben, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. So auch heute: „Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“


Psalm 27

Der HERR ist mein Licht und mein Heil; *
vor wem sollte ich mich fürchten?

Der HERR ist meines Lebens Kraft; *
vor wem sollte mir grauen?

HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; *
sei mir gnädig und antworte mir!

Mein Herz hält dir vor dein Wort: /
„Ihr sollt mein Antlitz suchen.“ *
Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz.

Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, *
verstoße nicht im Zorn deinen Knecht!

Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht *
und tu die Hand nicht von mir ab,
du Gott meines Heils!

Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, *
aber der HERR nimmt mich auf.

HERR, weise mir deinen Weg *
und leite mich auf ebener Bahn
um meiner Feinde willen.

Gib mich nicht preis dem Willen meiner Feinde! *
Denn es stehen falsche Zeugen wider mich auf und tun mir Unrecht.

Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde *
die Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.

Harre des HERRN! *
Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!

Psalm 27, 1.7–14


Schriftlesung: Römer 12,17-21

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes;
denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35):
»Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen;
dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.
Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.


Lesepredigt

Liebe Leserin, lieber Leser,
es geht um die Frage,
was stärker ist:
Die Liebe oder die Angst.
Und es geht darum,
die Antwort nicht im Kopf zu formulieren,
sondern sie im Handeln zu finden.
In den ganz normalen, alltäglichen
Konflikten und Begegnungen.

Das Gesetz der Vergeltung
rechnet Paulus „dieser Welt" zu.
Als Glaubende aber
sind wir „dieser Welt" entfremdet.
Für uns gilt das Gesetz Christi.
Das weiß von Feindesliebe,
von Versöhnung,
davon, dass einer des andern Last trägt.
Es geht also um Ethik.
Die wird auch öffentlich verstärkt eingefordert.
Aber kaum einer von denen,
die von der Kirche
Wertevermittlung und Moralerziehung
erwarten,
macht sich klar,
wie radikal „das Gesetz Christi" ist.
Jesu Feindesliebe geht über Nettsein,
Anstand und Hilfsbereitschaft
weit hinaus.
So wohltuend diese Tugenden
im Alltag auch sind.
Für Bürgerinnen und Bürger des Reiches Christi gilt: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem".
Wir sollen nämlich nicht
die gleichen Mittel anwenden
wie die, die uns Böses tun.
Wir sollen ihnen darin nicht gleichen.
Wir sollen nicht
in die Mannschaft des Bösen wechseln.
Wir sollen, wo es nur irgend geht,
den Teufelskreis von Angst, Gewalt,
mehr Angst und noch mehr Gewalt
unterbrechen.
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem".
Es gibt Böses.
Wir sehen, hören, spüren es täglich.
Das war im ersten Jahrhundert nach Christus
nicht anders,
als es im 21. Jahrhundert ist.
Und wie Jesus dem Bösen entgegentrat,
so sollen es die Seinen bis heute tun.
Mit ihm zusammen.
Ganz dicht bei ihm.
Ohne Abstandsgebot.

Was ist stärker,
die Liebe oder die Angst?
Wir glauben, die Liebe ist stärker.
Aber manchmal haben wir Angst,
es könnte anders sein.
Manchmal erleben wir das andere –
auch in uns.
„Da hab ich meinem Sohn eine gehauen",
erzählt die junge Mutter erschüttert.
„Es war schrecklich,
den Abdruck meiner Hand
rot auf seinem Schenkel zu sehen."
Der Vater habe zwar gemeint,
das schade dem Jungen nicht.
Aber sie habe es
als schreckliche Niederlage empfunden.
Schließlich liebe sie ihren Sohn.
Aber ihr seien die Nerven durchgegangen.
Sie sei erschöpft gewesen,
habe nicht mehr gekonnt,
sich nicht mehr zu helfen gewusst.
Mit andern Worten:
Sie hat sich in dieser Situation
vom Bösen überwinden lassen,
hat sich in seiner Waffenkammer bedient,
hat zum Mittel der Gewalt gegriffen.
„Das Gute, das ich will, das tue ich nicht;
sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich",
sagt Paulus an anderer Stelle im Römerbrief.
Wer kennt sie nicht,
diese quälenden Situationen?
Gerade auch jetzt in der Corona-Krise.
Wenn du nicht mehr kannst.
Wenn du Angst kriegst,
dass dir alles aus dem Ruder läuft.
Wenn du an die Grenzen deiner Kraft kommst,
deiner Geduld, deiner Liebe, deines Glaubens ...
Bleib dicht bei Jesus.
Da gilt kein Abstandsgebot.
Lehn dich an ihn an.
Denn er hat ausgehalten.
In der Krise. An den Grenzen.
Für dich.
Sein Aushalten
ist als verborgene Wirklichkeit
in der Welt
und als verborgene Möglichkeit
in dir.
Wie der Schatz im Acker.
Einer hat deine „Schläge" ausgehalten –
deine Verzweiflung, deine Angst,
deine Gewalttätigkeit –
ohne dich daraufhin
auf die Seite des Bösen zu rechnen.
Er behält dich auf seiner Seite.
Er unterscheidet zwischen dir
und deiner Verzweiflungstat.
Er verharmlost die Tat nicht.
Schreckliches bleibt schrecklich.
Aber er vergibt.
Damit du dir auch vergibst,
und es noch mal neu
und anders
versuchen kannst.
Mit ihm zusammen.
Der dich in seiner Güte birgt.

Wie könnte sich
die kritische Situation der Mutter mit ihrem Kind
beim nächsten Mal entspannen?
Vielleicht mit der Methode,
die ich bei einem irischen Kindermädchen beobachtete.
In Momenten,
in denen die Situation mit den Kindern
zu eskalieren drohte,
hielt sie plötzlich inne,
drehte sich zum Fenster,
atmete tief durch,
blickte hilfesuchend zum Himmel
und seufzte: „Lord, give me patience!" –
„Herr, gib mir Geduld!"
Nach weiteren zwei Atemzügen
konnte sie sich wieder
den Kindern zuwenden
und mit klarem Kopf handeln.
Oder die Nachbarin, schon in Rente,
bietet der jungen Mutter an:
„Wenn Sie mal ein bisschen Ruhe brauchen –
zu mir können Sie die Kinder gern bringen."

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem."
Was ist denn eigentlich böse?
Und was ist gut?
Albert Schweitzer formulierte im September 1964,
kurz vor seinem 90. Geburtstag,
„Mein Wort an die Menschen".
Darin fasst er seine Ethik
der Ehrfurcht vor dem Leben zusammen.
Wer die „Ehrfurcht vor dem Leben"
für sich entdeckt habe,
komme in ein „geistiges Verhältnis zur Welt".
„Als gut gilt ihm alsdann:
Leben zu erhalten und zu fördern;
entwickelbares Leben
auf seinen höchsten Wert zu bringen.
Als böse gilt ihm nun:
Leben schädigen oder vernichten;
entwickelbares Leben in der Entwicklung hindern."
Als glaubwürdiger Zeuge Jesu
an der Seite des Paulus
predigt Schweitzer weiter:
„In dieser Zeit,
in der Gewalttätigkeit
sich hinter der Lüge verbirgt
und so unheimlich wie noch nie
die Welt beherrscht,
bleibe ich dennoch davon überzeugt,
dass Wahrheit, Friedfertigkeit und Liebe,
Sanftmut und Gütigkeit
die Gewalt sind,
die über aller Gewalt ist.
Ihnen wird die Welt gehören,
wenn nur genug Menschen
die Gedanken der Liebe und der Wahrheit,
der Sanftmut und der Friedfertigkeit
rein und stetig genug denken und leben.
Alle gewöhnliche Gewalt in dieser Welt
schafft sich selber eine Grenze,
denn sie erzeugt eine Gegengewalt,
die ihr früher oder später
ebenbürtig oder überlegen sein wird.
Die Gütigkeit aber wirkt einfach und stetig ...
Indem sie Gütigkeit weckt,
verstärkt sie sich selber.
Deshalb ist sie
die zweckmäßigste und intensivste Kraft.
Was ein Mensch an Gütigkeit
in die Welt hinausgibt,
das arbeitet an den Herzen der Menschen
und an ihrem Denken.
Unsere törichte Schuld ist,
dass wir nicht ernst zu machen wagen
mit der Gütigkeit.
Wir wollen immer wieder
die große Last wälzen,
ohne uns dieses Hebels zu bedienen,
der unsere Kraft verhundertfachen kann.
Eine unermesslich tiefe Wahrheit
liegt in dem Worte Jesu:
‚Selig sind die Sanftmütigen,
denn sie werden das Erdreich besitzen.'"

Was ist stärker?
Damit wir Lust und Mut kriegen,
unsere Antwort im Alltag –
im persönlichen, sozialen, politischen Alltag –
zu geben,
brauchen wir Geschichten.
Solche, die davon erzählen,
wie Menschen der Angst und der Gewalt
mit Liebe standgehalten haben.
Jesusgeschichten natürlich,
die Dämonenaustreibungen zum Beispiel
oder die Aussätzigenheilungen.
Aber auch die Geschichten
seiner treuen Zeuginnen und Zeugen
durch die Jahrhunderte.
Warum hängen denn in vielen Kirchen
Bilder der Apostel und Märtyrerinnen?
Doch es muss nicht immer
bis zum Äußersten kommen.
Jedes Jahr um die Weihnachtszeit herum
zeigt das Fernsehen den Film
„Der kleine Lord"
nach dem Roman von Frances Burnett.
Der Film erzählt die bezaubernde Geschichte,
wie ein Kind
durch seine unschuldige Freundlichkeit
seinen verhärteten, aufgeblasenen,
ja menschenfeindlichen Großvater
verwandelt.
Auf charmante Weise
überwindet der kleine Lord
das Böse mit Gutem.
Wir brauchen solche Geschichten,
weil sie uns zeigen,
dass die Macht der Liebe da ist
und dass sie wirkt in unserer Welt.
Und wenn wir uns
auch keine Heldentaten zutrauen
in dieser Sache,
eines kann Jesus wohl von uns erwarten:
Dass wir der Wirkmacht seines Guten
den Weg ebnen.
Dass wir sie aufrühren in der Welt
wie Zucker im Kaffee.
So, dass sie sich ausbreitet,
dass sie weiterwirkt,
dass wir sie in Anspruch nehmen
für uns und andere.

Der schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti
bittet in diesem Geist:
„Ach, dass ich, wenn's drauf ankommt,
im Gegner den Bruder,
im Störer den Beleber,
im Unangenehmen den Bedürftigen,
im Süchtigen den Sehnsüchtigen,
im Säufer den Beter,
im Prahlhans den einst Gedemütigten,
im heute Feigen den morgen Mutigen,
im Mitläufer den morgen Geopferten,
im Schwarzmaler den Licht- und Farbenhungrigen,
im Gehemmten den heimlich Leidenschaftlichen
erkennen könnte!
Leicht ist das nicht.
Es bräuchte, o Gott, die Gegenwart Deines Geistes!
Und wie schaffe ich, der Ängstliche, es,
im Lauten den Leisetreter,
im Arroganten den Angsthasen,
im Behaupter den Ignoranten,
im Auftrumpfer den Anpasser
zu entlarven?
Auch das, auch das gehört zur Liebe,
wie Jesus sie lebte."
Amen.


Lied 416

O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
dass ich verbinde, da, wo Streit ist,

dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,
dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.

Text: aus der Normandie um 1913, früher Franz von Assisi zugeschrieben
Melodie: Rolf Schweizer 1962/1969


Fürbittengebet

Jesus Christus,
du bist unser Friede.
Erfülle diese Welt mit deinem Frieden:
Frieden in unserer Nachbarschaft -
Frieden an den Grenzen Europas –
Frieden in Syrien und Mali.
Breite deinen Frieden aus.

Jesus Christus,
du schenkst die Kraft zur Versöhnung.
Erneuere die Welt durch deine Versöhnung:
Versöhnung für die, die einander hassen -
Versöhnung für die, die aufeinander schießen -
Versöhnung für die, die aneinander schuldig wurden.
Versöhne uns.

Jesus Christus,
du bist die Liebe.
Lass die Liebe wachsen:
Liebe in den Häusern, in den Familien, unter Freunden -
Liebe zu den Kranken und Trauernden –
Liebe zu den Gedemütigten und Verfolgten -
Liebe zu deiner Schöpfung.
Wachse mit deiner Liebe in uns und in dieser Welt.

Jesus Christus,
du bist der Atem unseres Lebens.
Gehe mit uns
in diesen Tagen,
in diesem Sommer,
in dieser Zeit.

Amen.

 

 

Vater unser …


Segen


Der Herr segne uns und behüte uns.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht über uns und gebe uns Frieden.

Amen

 

 

Montag, 15.11.2021

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