Melanchtongemeinde Malsch

Lesegottesdienst an Epiphanias

von Pfarrer Claudius Zeller
Predigt von Pfarrer i.R. Christian Sauermann

06.01.2021

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Eingangswort

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. 

„Die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt“,
lautet der Spruch des Epiphaniasfestes.
Epiphanias heißt Erscheinung.
Jesus Christus ist in unserer Welt erschienen als Licht,
als große Hoffnung für alle Menschen.
Dies werden wir heute und an den folgenden Sonntagen bedenken und feiern.

Lied 70

1. Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn,
die süße Wurzel Jesse. Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen; lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben.

2. Ei meine Perl, du werte Kron, wahr' Gottes und Marien Sohn, ein hochgeborner König!
Mein Herz heißt dich ein Himmelsblum; dein süßes Evangelium ist lauter Milch und Honig.
Ei mein Blümlein, Hosianna! Himmlisch Manna, das wir essen, deiner kann ich nicht vergessen.

4. Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mich mit den Augen dein
gar freundlich tust anblicken. Herr Jesu, du mein trautes Gut, dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut mich innerlich erquicken. Nimm mich freundlich in dein Arme und erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.

Text und Melodie: Philipp Nicolai 1599; Satz: Johann Sebastian Bach 1731

Psalm 72

Gott, gib dein Recht dem König *
und deine Gerechtigkeit dem Königssohn,

dass er dein Volk richte in Gerechtigkeit *
und deine Elenden nach dem Recht.

Lass die Berge Frieden bringen für das Volk *
und die Hügel Gerechtigkeit.

Die Könige von Tarsis und auf den Inseln sollen Geschenke bringen, *
die Könige aus Saba und Seba sollen Gaben senden.

Alle Könige sollen vor ihm niederfallen *
und alle Völker ihm dienen.

Denn er wird den Armen erretten, der um Hilfe schreit, *
und den Elenden, der keinen Helfer hat.

Und durch ihn sollen gesegnet sein alle Völker, *
und sie werden ihn preisen.

Gelobt sei Gott der HERR, der Gott Israels, *
der allein Wunder tut!

Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich, *
und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden!

Lesepredigt von Pfr. i.R. Christian Sauermann

Liebe Gemeinde!

Die Advents- und Weihnachtszeit ist für viele eine Zeit zum Geschichtenerzählen. Manche waren in den Wochen des Advent vielleicht dabei, als nach dem Abendläuten hier in der Kirche„Geschichten unter dem Adventsstern“ erzählt oder vorgelesen wurden. Im Mittelpunkt unserer Gottesdienste am Heiligen Abend stand die uralte und doch immer wieder neue Geschichte von der Verkündigung der Geburt Jesu an die Hirten. Auch heute – zum Abschluss dieser Weihnachtszeit im engeren Sinn – möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen bzw. vorlesen, eine Geschichte, die an diesem „Dreikönigstag“ natürlich mit dem Besuch der Weisen aus dem Morgenland zu tun hat. Hören wir aber zunächst den biblischen

Originalton aus Matthäus 2,1 – 12:
21Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. 3Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5Und sie sagten ihm: Zu
Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Mi 5,1): 6»Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«
7Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. 9Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. 10Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 11und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
12Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Soweit also diese Geschichte, die Sie alle ja wohl seit frühester Jugend kennen. Aber es ist ja eigenartig bei biblischen Geschichten. Wir hören sie eigentlich immer wieder mit anderen Ohren und sie können sich uns manchmal dann ganz neu erschließen. Es geht in diesen Geschichten ja auch nicht einfach um die Information „So war das damals“, um die nüchterne Weitergabe von irgendwelchen Fakten. Diese Geschichten scheinen direkt darauf angelegt zu sein, dass wir uns selbst in ihnen wiederfinden können. Und sie sprechen uns dann oft auch ganz unmittelbar an auch über den breiten Graben der vielen Jahrhunderte hinweg. Und vielleicht geht es uns ja auch bei dieser so vertrauten Geschichte von den „Weisen aus dem Morgenland“ so.

Aber wer waren sie eigentlich, diese „Weisen“, die von irgendwoher aus dem Osten nach Bethlehem gekommen sind, um den neugeborenen König der Juden zu begrüßen? „Magier“, so nennt sie der griechische Text des Neuen Testaments, Astrologen also, Sterndeuter, die – so könnte man wohl sagen – oben am Himmel nach Orientierung suchen für das Leben unten auf der Erde. Die Legende hat sie zu drei Königen gemacht und ihnen sogar Namen gegeben: Caspar, Melchior und Balthasar. Die „drei Könige“ wären dann gewissermaßen die Repräsentanten der ganzen Welt, nämlich der drei damals bekannten Erdteile Europa, Asien und Afrika. Deshalb wird der eine der drei auf alten Bildern auch oft dunkelhäutig dargestellt. Und auf dem berühmten Dreikönigsaltar des Rogier van der Weyden, da verkörpern die drei Könige gleichzeitig drei Lebensalter: Da sehen wir einen sehr jugendlichen Prinzen, einen König in den besten Jahren und einen uralten Greis. Ob die Legende vielleicht recht hat? Dürfen wir in den Weisen aus dem Morgenland, die da den neugeborenen König anbeten, vielleicht wirklich die ganze Menschheit sehen, alle Menschen, gleich welchen Alters und welcher Herkunft sie auch sind? Alle Menschen also, die sich auf ihrer Lebenswanderung immer wieder von ferne her an das Geheimnis Gottes herantasten? Und dürfen wir uns selbst auch in diesen Suchenden und Findenden wiederentdecken?

In den Geschichten um Jesu Geburt, so wie sie Matthäus uns erzählt, kommen immer wieder Träume vor. Träume, die das Geschehen deuten oder auch einen direkten Auftrag vermitteln. Von einem Traum möchte auch ich jetzt Ihnen, liebe Gemeinde, erzählen: Ich habe geträumt von drei Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen auf den Weg nach Bethlehem gemacht haben und die dort dem Kind in der Krippe begegnet sind.

Der eine Mensch, ein noch recht junger Mann, hieß Caspar. Er studierte Politik und Wirtschaftswissenschaften an einer der angesehensten Hochschulen seines Landes. Er wollte Politiker werden, Berater vielleicht eines mächtigen Fürsten oder so etwas. Ihn faszinierte die Macht, die Möglichkeit also, Einfluss zu gewinnen in der Welt und etwas zu gestalten. Natürlich phantasierte er auch von der Anerkennung, die das mit sich bringt, von der Ehre und weltweitem Ruhm. Und Caspar glaubte auch, einen sicheren Instinkt dafür zu haben, auf welche Karte, auf welche politische Kraft er setzen sollte. Caspar hatte nur eine fixe Vorstellung: Sterne hatten ihn immer schon angezogen, Sterne in vielerlei Formen und vielerlei Farben. Als er noch ein kleines Kind war, hörte er von einem Land voll unbegrenzter Möglichkeiten. Dieses Land hatte eine bunte Fahne mit weißen und roten Streifen und gleich fünfzig Sternen, und das fand er richtig schön. Er war begeistert von diesem fernen Land und wäre am liebsten gleich dort hingefahren. Aber irgendwann, als er größer geworden war, wurde er dessen doch überdrüssig. Das Land, so fand er, hatte keine wirklichen Ziele zu bieten, für die man sich einsetzen kann.

Er beschäftigte sich damals intensiver mit einem anderen Land, das zufällig auch einen Stern als Symbol hatte, aber neben dem Stern auch noch die Symbole der Arbeit, einen Hammer und eine Sichel. Er las viel über die geistigen Väter dieses Landes, er kannte die grundlegenden Schriften und Manifeste und fand darin viele seiner Ideale verwirklicht. Aber dann sah er, was aus diesen edlen Gedanken geworden war. Er sah so unendlich viel Betrug und Unmenschlichkeit hinter den Kulissen. Und da wandte er sich enttäuscht ab. In der letzten Zeit zweifelte er immer häufiger, ob sein Wunsch, in die Politik einzusteigen, wirklich das Richtige sei. Er hatte nach einem Praktikum auch ein lukratives Angebot bekommen, er könne gleich nach seinem Examen in ein blühendes Unternehmen einsteigen, einen weltweit agierenden Konzern, der im Verkehrswesen und in den letzten Jahren zunehmend auch im Rüstungsbereich gute Geschäfte machte. Dass diese Firma zufällig auch einen Stern als Markenzeichen hatte, machte das Angebot fast noch ein bisschen verlockender. Aber er wusste noch nicht, ob dies wirklich das Richtige für ihn wäre. So hat er sich besonders gefreut, als ihm sein Vater zur Belohnung für das glänzend bestandene Examen eine Reise in den Westen geschenkt hatte und ihm als Notgroschen für unterwegs noch eine gut gefüllte Schatulle mit Goldstücken mitgegeben hatte. Ob sich jetzt wohl – auf dieser großen Reise – einiges klären würde? Mit großen Hoffnungen hatte Caspar sich auf den Weg gemacht.
Als er ein paar Tage schon von zu Hause weg war, traf er einen Wissenschaftler, der offenbar die gleiche Richtung wie er hatte und der unterwegs war zu einem internationalen Kongress über Fragen der Gravitation im interstellaren Raum. Er stellte sich mit dem Namen Melchior vor und er erzählte dem jungen Caspar von seinen Forschungsergebnissen oder vielmehr von den Fragen, die ihn umtrieben, denn mit den Ergebnissen seiner Wissenschaft konnte Caspar überhaupt nichts anfangen. Er verstand das einfach nicht. Melchior, ein gestandener Mann in den besten Jahren, sprach von den nahezu idealen Arbeitsbedingungen in seinem Institut, das übrigens in einem elfenbeinernen Turm untergebracht sei. Er erhoffte sich jetzt von dieser Reise entscheidende neue Einsichten. Er ließ durchblicken, dass er ganz nahe dran sei an einer geradezu revolutionären Entdeckung, nämlich der Entdeckung einer Weltformel, durch die er alles und jedes auf der Welt erklären könne. „Stell dir vor“, so schwärmte er dem jungen Caspar vor, „stell dir vor, wir werden alles, was es gibt, erklären können; es wird keine Fragen mehr geben, auf die wir keine Antwort hätten; es gibt keine Geheimnisse mehr; die Menschen werden glücklich sein, wenn sie alles wissen und Gut und Böse eindeutig unterscheiden können; wir werden alles in den Griff kriegen und bald auch nach den Sternen greifen können!“ Caspar hatte nur noch halb hingehört. Aber als Melchior von dem Griff nach den Sternen sprach, war er gleich wieder hellwach, obwohl er auf seinem Kamel schon nahe am Einnicken war. Nur, irgendwie konnte er die Begeisterung des Wissenschaftlers nicht ganz verstehen.

Und außerdem wunderte sich Caspar darüber, dass Melchior von Zeit zu Zeit auf einem kleinen mitgeführten Kohlebecken ein paar Weihrauchkörner verbrannte und gierig und fast ein bisschen süchtig den süßlichen Duft einsog. „Das hast du wohl aus Indien mitgebracht?“, fragte er.

Aber da hatte sein Kamel beinahe einen alten Mann überrannt, der barfuß und fast nur mit Lumpen gekleidet in die gleiche Richtung unterwegs war. „He, Bettler, aus dem Weg“, wollte Caspar rufen. Aber da sah er in die Augen dieses Mannes und erschauerte vor Ehrfurcht. Er sah den Blick eines Menschen, der sein Leben lang geforscht und gelesen und nachgedacht hatte. Und Caspar wusste sofort: Das ist Balthasar. Balthasar war schon bei allen großen Meistern des Morgenlandes und des Abendlandes gewesen. Er hatte die Weisheit dieser Welt erforscht wie kein anderer. Seine Gedanken und Erkenntnisse wurden an allen Hohen Schulen diskutiert. Er war von Königen und Fürsten eingeladen worden, an ihrem Hof zu bleiben und dort – hochgeachtet und verehrt von einer erlesenen Schülerschar – seinen Lebensabend zu verbringen. Aber Balthasar war immer wieder aufgebrochen. Er war und blieb unterwegs auf den Straßen dieser Welt und folgte jetzt – wie er den beiden erklärte – einem unerklärlichen Drang in das Land der Juden. „Meinst du vielleicht, dort liegt der Stein der Weisen“, spöttelte Melchior, für den ja eigentlich nur das zählte, was sich errechnen und beweisen ließ und was sich schnell in klingender Münze auszahlen musste. Aber Balthasar sah ihn mit großen Augen an: „Ja, vielleicht liegt er dort, der Stein, nach dem ich suche, der Eckstein, nach dem sich alles ausrichten wird. Ja, vielleicht finde ich ihn dort.“ Es war still geworden zwischen den dreien, die jetzt gemeinsam ihren Weg fortsetzten. Bis Caspar auf einmal neugierig fragte: „Und was trägst du da in deinem Beutelchen mit dir herum?“ – „Das ist Myrrhe“, sagte der Alte, „ein Harz, das in Arabien gewonnen wird; es ist bitter im Geschmack; aber wenn man es mit einer Salbe mischt, dann duftet es wunderbar; in Ägypten balsamieren sie damit ihre Toten ein.“ – „Und was tust du damit“, fragte Caspar weiter. „Memento mori – wenn du das verstehst als junger Mann! Denke daran, dass du sterben wirst. Diese Myrrhe hält in mir die Erinnerung wach an die Bitterkeit unseres Lebens, an all die schweren Fragen und auch den Gedanken an den Tod. Und ich werde diese Myrrhe solange mit mir herumtragen, bis ich weiß, wie ich mit dem Tod fertig werden kann und mit dem Leid in der Welt und mit all dem Bitteren, das mir begegnet ist.“

Sie schwiegen lange. Der Weg war jetzt auch beschwerlich geworden. Nur Sand und Steine und diese fast unerträgliche Hitze. Der alte Balthasar wurde damit noch am besten fertig; die Landschaft war ihm – wie er sagte – ein Bild für die Vergänglichkeit alles Lebens und für eine schier unüberwindbare Sinnlosigkeit. Melchior wollte widersprechen. Er war überzeugt, aus allem ließe sich etwas machen, auch aus dieser Wüstengegend. Man müsse nur tief genug bohren, dann könnten bestimmt auch hier in dieser toten Gegend ungeahnte Quellen sprudeln. Caspar musste lachen: „Dann könnte es ja direkt auch zu einem Machtpoker um diese Sanddünen kommen, zu einem Krieg sogar um diese gottverlassene Gegend.“ Nur Balthasar blieb sehr ernst und meinte nachdenklich: „Sag nicht ‚gottverlassene Gegend’! Weißt du denn, wo Gott wirklich wohnt?“

Schließlich kamen sie in Jerusalem an. Sie wurden vom König Herodes höchstpersönlich empfangen. Er schien außerordentlich interessiert zu sein an ihren Fragestellungen und Forschungsergebnissen. Ihnen zu Ehren veranstaltete er auch ein hochrangig besetztes Symposion zu dem Thema „Heil in einer heillosen Welt“, das sich mit Fragen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft beschäftigte. Dabei kamen auch die örtlichen Theologen ausführlich zu Wort. Aber für unsere drei Reisenden war das Ergebnis doch irgendwie enttäuschend. Caspar war angewidert von der Machtbesessenheit, die er beim König wahrzunehmen glaubte. Melchior spottete über das unsystematische Vorgehen des Königs bei der Durchsetzung seiner Interessen. Balthasar aber war ganz unruhig geworden: „Die haben die Antwort“, sagte er immer wieder, „die wissen, worauf es ankommt. Warum nur erkennen sie nicht die Zeichen der Zeit und brechen endlich auf?“

Am nächsten Tag waren sie in Bethlehem, knapp drei Stunden südlich von Jerusalem. Wie wenn sie geführt worden wären, betraten sie ein bestimmtes Haus und fanden dort eine junge Familie, Mann, Frau und ein neugeborenes Kind. Irgendwie waren sie etwas verlegen, zunächst. Eigentlich hatten sie, ohne zu wissen warum, mit etwas ganz anderem gerechnet.
Caspar wohl mit einem Büro, von dem aus Verbindungen in aller Herren Länder gingen. Melchior hatte an ein Labor voller Bücher gedacht und an einen Schreibtisch, auf dem sich Skizzen und Entwürfe stapeln. Und Balthasar hatte eine Art Guru anzutreffen gehofft, der am Boden sitzt und das Geheimnis einer Lotosblüte meditiert. Stattdessen dieses Kind, um das sich alles drehte.

Aber je länger sie das kleine Kind betrachteten, desto gewisser wurden sie: Hier sind wir am Ziel. Der alte Balthasar war der erste, der auf die Knie fiel und sagte: „Du, Kind, bist der, den ich immer schon gesucht habe. Du zeigst nicht nur einen Weg, den man gehen kann oder eben auch nicht. Du lehrst nicht nur eine Wahrheit, neben der es noch so und so viele andere Wahrheiten geben kann. Du sagst nicht nur, worauf es im Leben ankommt. Du selbst bist der Weg und die Wahrheit und das Leben. Nimm diese Myrrhe, nachdem du jetzt alle Bitterkeit aus meinem Leben genommen hast, und wandle sie in Wohlgeruch, so wie du ja alles Leid in unaussprechliche Freude verwandeln kannst!“ Und dann sprach Melchior; auch er war auf die Knie gesunken: „Nimm diesen Weihrauch, Kind! Ich brauche ihn nicht mehr als billige Droge gegen meine innere Unruhe und auch nicht mehr für meine

Selbstbeweihräucherung oder zur Vernebelung meiner egoistischen Ziele. Du setzt neue Maßstäbe. Jetzt habe ich den Schlüssel zur tiefsten Erkenntnis gefunden: Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache. Du bist uns von Gott gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.“ Schließlich stellte auch Caspar seine Schatulle mit den Goldstücken vor den Neugeborenen hin und sagte: „Vergib, Kind, dass ich darauf vertrauen konnte und dass ich gemeint habe, Geld regiert die Welt! Wie konnte ich so blind sein für die wahren Machtverhältnisse? Dir allein ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden.“

Und dann schwiegen sie wieder und betrachteten nur noch das Kind. Das Kind, das lachte sie an, klimperte ein bisschen mit den Goldstücken, schnupperte an den Weihrauchkörnern und der Myrrhe und machte dann eine Handbewegung wie ein Kreuzzeichen. Da wussten sie, jetzt sind wir in Gnaden und mit dem Segen des Kindes entlassen. Und sie gingen still wieder hinaus.

Natürlich gingen sie nicht mehr zurück nach Jerusalem, zu dem machtgierigen König und seinen neunmalklugen Theologen. Melchior besuchte noch den Weltkongress über Fragen der Gravitation; er hielt dort eine aufsehenerregende Rede über den allein sinnvollen Schwerpunkt allen Forschens und über die unlösbaren Geheimnisse der Schöpfung; nach seiner Rückkehr in die Heimat widmete er sich mit der ganzen Kraft seiner Intelligenz der Erhaltung des labilen Gleichgewichts der Natur und versuchte, die akademische Jugend in der Ehrfurcht vor dem Leben zu erziehen. Caspar wurde dann doch Politiker. Aber er trat nicht in die Dienste bei irgendeinem nationalistischen Potentaten oder einem jener weltumspannenden Wirtschaftsunternehmen. Er ging zu einer großen internationalen Organisation, bei der er mit großem diplomatischen Geschick am Ausgleich der unterschiedlichsten Interessen arbeitete. Als sein größtes Werk wurde später die Schlichtung eines äußerst gefährlichen Konflikts in genau jener Region angesehen, durch die er damals bei seiner denkwürdigen Reise hindurchgekommen war. Auch Balthasar schien ein anderer geworden zu sein. Die Klarheit und die Brillanz seines Denkens hatten sich nicht vermindert, eher im Gegenteil. Aber er suchte jetzt immer häufiger das Gespräch mit den verschiedensten Leuten, mit Klugen und Wenigerklugen, mit den Gebildeten seiner Zeit und mit einfachen Arbeitern, mit Jungen und Alten. Und eigenartig: Wer mit ihm sprach, dem war es, als könne er befreit aufatmen. Es waren Zuversicht und eine tiefe Freude, die Balthasar ausstrahlte. Und als er schließlich starb, da war es, als verklärte ein seliges Lächeln seine Züge, ein Lächeln, das Caspar und Melchior lebhaft an das Kind damals in Bethlehem erinnerte.

Soweit, liebe Gemeinde, dieser Traum, den ich geträumt habe, oder – besser gesagt – diese Geschichte, die ich mir ausgedacht habe, wie sie vielleicht ja auch gewesen sein kann. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

Lied 66

1. Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude; A und O, Anfang und Ende steht da.
Gottheit und Menschheit vereinen sich beide; Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah! Himmel und Erde, erzählet's den Heiden: Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden.

2. Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, die reißen entzwei.
Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; er, der Sohn Gottes, der machet recht frei,
bringet zu Ehren aus Sünde und Schande; Jesus ist kommen, nun springen die Bande.

8. Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben. Hochgelobt sei der erbarmende Gott,
der uns den Ursprung des Segens gegeben; dieser verschlinget Fluch, Jammer und Tod.
Selig, die ihm sich beständig ergeben! Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.

Text: Johann Ludwig Konrad Allendorf 1736; Melodie: Köthen um 1733

Fürbittengebet

Gott, du Licht der Welt,
du heller Glanz in der Dunkelheit.
Die Weisen haben dein Leuchten entdeckt und sind zu dir aufgebrochen.
Mit allen, die wie die Weisen aufbrechen,
rufen wir zu dir: Sende dein Licht und deine Wahrheit.

Wir bitten dich um Besonnenheit und Hingabe
für die Menschen, die in diesen Tagen auf unvertrauten Wegen gehen,
für die Politikerinnen und Politiker, die mit ihren Entscheidungen,
das Leben Tausender beeinflussen.
Mit allen, die Weisheit suchen, rufen wir zu dir:
Sende dein Licht und deine Wahrheit.

Wir bitten dich um Frieden
für die Menschen, die in Kriegsgebieten ausharren müssen,
für die Menschen zwischen den Fronten,
für die Kinder, die ohne Schutz aufwachsen.
Mit allen, die sich nach Frieden sehnen, rufen wir zu dir:
Sende dein Licht und deine Wahrheit.

Wir bitten dich um Gerechtigkeit
für die Menschen, die hungern,
deren Arbeitsbedingungen unwürdig sind,
deren Arbeitsplätze gestrichen werden,
die kein Licht entdecken und nicht wissen,
wie sie die kommenden Wochen überstehen werden.
Mit allen, die von Sorge beherrscht werden, rufen wir zu dir:
Sende dein Licht und deine Wahrheit.

Gott, du Licht der Welt,
du machst die Herzen hell.
Wir bitten dich für unsere Kranken,
für die Trauernden und für alle, die wir lieben.
Segne sie und mache ihr Leben hell
durch Jesus Christus, unseren Morgenstern.

Amen.

 

Vater unser …

Lied 58

4. Stern über Bethlehem, kehrn wir zurück,
steht noch dein heller Schein in unserm Blick,
und was uns froh gemacht, teilen wir aus,
Stern über Bethlehem, schein auch zu Haus!

Text und Melodie: Alfred Hans Zoller 1964

Segen

Geh mit Gottes Segen.
Er halte schützend seine Hand über dich.
Er bewahre dir Gesundheit und Leben.
Er öffne dir alle Sinne für die Wunder der Welt.
Und schenke dir Zeit zum Verweilen,
wo es deiner Seele bekommt.
So segne dich Gott:
Vater, Sohn und Heiliger Geist. 

Amen

 

 

Montag, 15.11.2021

Kleidersammlung für Bethel

In der Zeit vom 11. November bis 15. November 2021 findet in unserer Gemeinde wieder die jährliche Kleidersammlung für die Bodelschwinghschen Anstalten Bethel statt. ... weiterlesen